Die Ausbilderhierarchie in großen Unternehmen und warum sie entscheidend ist
„Wer bildet bei euch eigentlich aus?“
Eine einfache Frage.
Aber die Antwort ist in den meisten Unternehmen überraschend komplex.
Denn Ausbildung passiert selten durch eine einzelne Person. In Unternehmen ab einer gewissen Größe gibt es ein ganzes System dahinter: mit verschiedenen Rollen, Zuständigkeiten und Weisungsbefugnissen.
Das Problem:
Die wenigsten kennen dieses System.
Weder die, die darin arbeiten.
Noch die, die es führen.
Viele Namen – eine Funktion
Bevor wir in die Hierarchie einsteigen, lohnt sich ein kurzer Blick auf die Begriffe. Denn je nach Unternehmen, Branche oder Region heißt dieselbe Funktion anders:
• Ausbildungsbeauftragte:r
• Berufsbildverantwortliche:r
• Ausbilder:in
• Praxisanleiter:in
• Ausbildende Fachkraft
• Ausbildungskoordinator:in
• Ausbildende
All diese Begriffe beschreiben Menschen, die Nachwuchskräfte im Arbeitsalltag begleiten.
Oft nebenberuflich, oft ohne formale Vorbereitung, oft ohne klares Bild davon, wo sie im Gesamtsystem eigentlich stehen. Genau das wollen wir heute ändern.
Die Ausbilderhierarchie: 6 Ebenen im Überblick
In großen Unternehmen und Verwaltungen lässt sich Ausbildung fast immer in sechs Ebenen gliedern. Manche davon sind offiziell benannt, andere existieren einfach – bewusst oder unbewusst.
🔴Ebene 1: Ausbildungsleitung (AL)
Die Ausbildungsleitung trägt die Gesamtverantwortung für das Ausbildungssystem im Unternehmen. Sie ist zu 100 % für Ausbildung tätig und ist in der Regel der Personalleitung oder direkt der Geschäftsleitung unterstellt.
Sie setzt die Richtung – strategisch, strukturell und personell.
Ebene 2: Team um die Ausbildungsleitung
Direkte Erfüllungsgehilfen der Ausbildungsleitung. Auch sie arbeiten zu 100 % im Ausbildungsbereich und sind der Ausbildungsleitung weisungsbefugt unterstellt. Sie halten den operativen Betrieb am Laufen. Hauptaufgaben sind: Konzeption, Organisation, Kommunikation mit allen anderen Ebenen und Mitwirkenden.
🔵Ebene 3: Teamleitungen Ausbildung
In größeren Unternehmen gibt es häufig Teamleitungen, die für einen bestimmten Ausbildungsberuf oder eine Berufsgruppe verantwortlich sind. Sie führen ein Team von Ausbildern und sind ebenfalls der Ausbildungsleitung unterstellt. Auch diese Funktion verbringt zu 100% ihrer Arbeitszeit mit dem Thema Ausbildung.
Ebene 4A: Hauptberufliche Ausbilder:innen
Sie bilden ausschließlich aus. Oft haben sie ganze Gruppen von Nachwuchskräften, häufig in einem Ausbildungszentrum oder einer Lehrwerkstatt. Ihre gesamte Arbeitszeit gilt der Ausbildung. Die Weisungsbefugnis liegt bei der Teamleitung und umgekehrt dürfen sie ihren Azubis Weisungen erteilen.
Ebene 4B: Nebenberufliche Ausbilder:innen
Sie sind offiziell benannt und mit einem Zeitkontingent für Ausbildungsarbeit ausgestattet. In der Regel liegt dieses zwischen 20% und 50 % ihrer Arbeitszeit. Manche erhalten eine Zulage oder Prämie für diese Tätigkeit.
Sie sind ein wichtiges Bindeglied zwischen dem zentralen Ausbildungssystem und dem Arbeitsalltag in den Fachabteilungen.
🟡 Ebene 5: Ausbildungsbeauftragte
Hier wird es für viele Leser:innen persönlich.
Ausbildungsbeauftragte haben häufig offiziell keine Arbeitszeit für Ausbildung eingeplant. Sie machen das nebenbei – zusätzlich zu ihrer eigentlichen Tätigkeit in der Fachabteilung. Manche erhalten eine Aufwandsentschädigung, manche haben den AEVO-Schein…doch viele von ihnen haben weder das eine noch das andere!
Entscheidend: Die Weisungsbefugnis liegt nicht bei der zentralen Ausbildungsabteilung, sondern bei der Führungskraft der jeweiligen dezentralen Abteilung. Das bedeutet: Ausbildungsbeauftragte stehen oft zwischen zwei Welten – dem Anspruch der Ausbildungsleitung und den Erwartungen ihrer eigenen Führungskraft. Das führt in der Praxis häufig zu Konflikten.
🟢 Ebene 6: Ausbildungshelfende
Die Kolleg:innen der Ausbildungsbeauftragten, die punktuell unterstützen – tageweise, bei Urlaub oder Krankheit. Weniger Verantwortung, aber ein wichtiger Teil des Systems. Auch sie haben keine offizielle Ausbildungszeit und unterliegen keiner Weisungsbefugnis durch die Zentrale.
Was diese Hierarchie für dich bedeutet
Zwei Perspektiven – eine Erkenntnis:
Als Ausbildungsbeauftragte:r lohnt es sich zu wissen:
- Wo stehe ich?
- Was gehört zu meiner Rolle und was nicht?
- Welche Entscheidungen kann ich selbst treffen, und wo brauche ich Rückendeckung?
Als Ausbildungsleitung stellt sich die Frage:
- Ist mein System wirklich so aufgestellt, wie ich es mir vorstelle?
- Weiß jede Ebene, was von ihr erwartet wird?
